John Wayne Gacy jr.
- Der Clown mit den zwei Gesichtern -
Am Mittwoch, den 13.Dezember, rief John Gacy gegen 11 Uhr Lieutenant Kozenczak an, ob er noch zur Wache kommen solle. 40 Minuten später saß er schon im Verhörraum. Zum dritten Mal gab er zu Protokoll, das er nie mit einem Robert Piest gesprochen habe. Schließlich wurde der Geschäftsmann unruhig und fing zu jammern an, welche Verluste er in der verlorenen Zeit mit seinem Unternehmen machen würde.
Bereits am Vormittag hatte Kozenczak bei dem Bezirksstaatsanwalt Terry Sullivan einen Durchsuchungsbeschluss für Gacys Haus beantragt. Obwohl die Polizei keine Beweise vorbringen konnte, sondern nur vermutete, dass John Gacy Robert Piest gekidnappt hatte und in seinem Haus gefangen hielt, ging Sullivan zum zuständigen Richter Marvin Peters, der nach kurzer Besprechung - hauptsächlich wegen Gacys einschlägige Vorstrafen - den Beschluss unterzeichnete.
Staatsanwalt Sullivan eilte in den Verhörraum und verlangte von John Gacy die Haustürschlüssel. Dieser weigerte sich, diese auszuhändigen. Worauf Sullivan drohte, dass die Polizei Zwangsmaßnahmen ergreifen würde.
Der wütende Unternehmer warf daraufhin Detective Pickell die Schlüssel zu und beschimpfte Terry Sullivan als "großes Arschloch". Sie würden den Piest-Jungen dort nicht finden.

Anschließend fuhren vier Polizisten
Beschlagnahmte Beweisstücke
und ein Beamter der Spurensicherung in die Summerdale Avenue und durchsuchten John Gacys Haus.
Sie konnten wohl Robert Piest nicht aufspüren, aber entdeckten auf dem Dachboden mehrere schwedische Pornofilme, weitere einschlägige Zeitschriften mit nackten Teenagern und einen großen Gummidildo. Im Schlafzimmer stand auf einem Nachttischchen, neben Gacys Bett, ein Schmuckkästchen mit mehreren Siegelringen und Halsketten. Auf dem Kästchenboden lag ein Autoführerschein.
John Gacys Pornoheft-Sammlung
In der obersten Schublade lag ein weiterer Führerschein.
Beide waren nicht auf Gacy, sondern auf zwei junge Männer ausgestellt. Auf einer Kommode stand ein Motorola-Fernseher, den John Gacy aus John Szycs Wohnung gestohlen hatte. In einer Schublade lagen ein paar Handschellen und die passenden Schlüssel, falsche Polizeimarken, eine Tüte mit Marihuana, Tabletten, eine 6 Millimeter Leichtathletik-Starterpistole und eine kleine Flasche mit Chloroform. Außerdem entdeckte sie mehrere Kleidungsstücke, die jugendlich wirkten und Gacy viel zu klein waren.
Einer der Polizisten stieß dann auf die Falltür, die zum Kriechboden führte. Dort roch es, nach Meinung des Beamten, stark nach fauligem Abwasser. Doch im Schein einer Taschenlampe sah er nur den mit einer Kalkschicht bedeckten Boden. Er schloss daraufhin die Falltür und die Polizisten verließen, aufgrund der mageren Ausbeute, enttäuscht das Haus.

Die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei wussten nun,
David Hachmeister / Mike Albrecht
dass John Wayne Gacy irgendetwas zu verbergen hatte, nur was genau es war, war nicht klar. Sie hatten keine Spur von Robert Piest, aber die beschlagnahmten Beweisstücke aus Gacys Haus veranlassten Staatsanwalt Terry Sullivan zu einer offenen "Rund-um-die-Uhr"-Personenüberwachung John Gacys. Für diese Aufgabe wurden vier Beamte der "Delta-Einheit" der Kriminalpolizei, die sonst hauptsächlich verdeckt ("Undercover") arbeiteten, eingeteilt.
Ab dem 14.Dezember standen nun immer zwei Zivilfahrzeuge mit je einen Beamten vor Gacys Haus. Eine bei Minusgraden nicht gerade beneidenswerte Aufgabe. Sobald der Unternehmer das Haus verließ, folgte ihm mindestens ein Wagen der Polizei.
Gleichzeitig arbeiteten Lieutenant Joe Kozenczak und seine Männer weiterhin an den Fall John Gacy weiter. Sie vernahmen alle Angestellten der Nisson Apotheke und versuchten die Besitzer der Schmuckstücke und Führerscheine aus Gacys Haus zu ermitteln.

John Gacy fiel natürlich auf, dass die Polizei ihn nun überwachte. Zunächst nahm er es noch leicht und versuchte durch gewagte Fahrmanöver den Verfolgern zu entkommen - was ihm
Robert Schultz / Ron Robinson
einige Mal gelang. Als er mit seinem Angestellten Donald Czarna und einem weiteren Mitarbeiter wieder einmal auf eisglatter Fahrbahn riskant fuhr, reichte es den verfolgenden Polizisten. Sie stoppten den PDM-Constructor-Lieferwagen.
Daraufhin kamen Gacys Angestellte mit erhobenen Fäusten auf Detective Robinson und Officer Schultz zu. Gacy spielte den Schlichter und beruhigte seine Leute. Die Polizisten nahmen anschließend den Fahrer des Wagens wegen Gefährdung des Straßenverkehrs vorläufig fest.
Ein Tag später schlich sich John Gacy aus seinem Haus und näherte sich den ersten Zivilwagen der Polizei. Robinson und Schultz waren so mit einem kleinen Spielcomputer beschäftigt, dass sie zusammenzuckten, als der Unternehmer an die Scheibe klopfte und lächelnd fragte, ob sie bereit seien. Er würde nun wegfahren.
Auch Donald Czarna musste auf dem Polizeirevier erscheinen. Er sagte aus, dass er sich an einen ehemaligen Mitarbeiter namens Gregory Godzik erinnere, der vor zwei Jahren verschwunden sei. Gacy hatte Czarna erzählte, die Polizei wolle gegen ihn wegen des Besitzes von Drogen ermitteln. Für Czarma ein Kavaliersdelikt. Daher blieb der Angestellte seinem Chef lange Zeit loyal.
Am darauf folgenden Samstag unternahm John Gacy, mit den Beamten Hachmeister und Albrecht im Schlepptau, einen ausgedehnten Zug durch die Kneipen. Er lud sogar seine Verfolger zu einem Bier ein, was diese ablehnten.
Am Sonntagabend ging Gacy mit den hungrigen Detectives Schultz und Robinson in einem Steakhouse essen. Er erzählte von dem Erfolg seiner Firma und versuchte nebenbei mehr über den Ermittlungsstand der Polizei zu erfahren. Aber die Polizisten blieben bei dem Thema einsilbig.
Als Gacy die Rechnung zahlte, erwähnte er seine Leidenschaft für die Clownerie. "Niemand würde sich je ernsthaft über einen Clown Gedanken machen. Es ist schön, bei Paraden herumzualbern und den weiblichen Zuschauern in die Titten zu zwicken. Die würden nur, da er ja ein lustiger Clown sei, darüber lachen"[sic!]. Ihr solltet wissen, sagte der beleibte Geschäftsmann zu den beiden erstaunten Polizisten, und schaute jeden direkt ins Gesicht, Clowns kommen auch ungestraft mit Mord davon.

John Gacy überraschte die Polizei mit seinen Aktionen immer wieder aufs Neue. Am 19.Dezember, während Hundestaffeln der Polizei nach Robert Piest suchten, überreichte er dem Officer Mike Albrecht eine Beschwerde, die er gegen die Polizei von Des Plaines gelten machen wollte. Er fühlte sich durch die ständige Observation in seinen Bürgerrechten beschnitten und forderte deshalb $750.000 Schmerzensgeld.
Doch zusehends fiel es Gacy - angesichts der ständigen Polizeipräsenz - immer schwerer, sein Gesicht zu wahren. Er pflegte sich nicht mehr und lief mit einem Dreitagebart herum. Wenn er zu Hause war, hielt er oft an den Fenstern nach den Polizisten Ausschau.
Am Mittwoch, den 20.Dezember 1978 wurde die Situation für die Polizei und Staatsanwaltschaft gefährlich. Es stand außer Zweifel, dass Gacy für das Verschwinden von mehreren jungen Männern verantwortlich war, doch es fehlten die Beweise, um ihn zu verhaften. Außerdem hatte John Gacy tatsächlich seinen Anwalt Sam Amirante beauftragt, eine Unterlassungsklage gegen die Überwachung zu erwirken. Nun musste Gacy innerhalb von zwei Tagen überführt werden, da die Polizei ab dem 23.Dezember um 0.00 Uhr die Observation einstellen musste. Lieutenant Kozenczak und Staatsanwalt Sullivan waren überzeugt, dass John Gacy dann weiteres Beweismaterial oder vielleicht sogar seine Opfer in aller Ruhe entsorgen würde.
Am Mittwoch, den 21.Dezember fuhr John Gacy morgens gegen 8 Uhr zu seinen Anwälten. Dabei raste er, trotz vereister Straßen, mit hoher Geschwindigkeit durch Chicago.

Er besuchte seinen Angestellten Donald Czarna und fuhr anschließend zu einem Bekannten, der eine Tankstelle führte. Kaum war Gacy ausgestiegen, als Officer David Hachmeister wütend aus seinen Wagen stieg und den verblüfften Unternehmer anschrie, ob er Schulkinder totfahren wolle. Gacy hatte vorher auch in einer Schulzone sein Tempo nicht gedrosselt. John Gacy war so verängstig, dass er nach Detective Mike Albrecht rief und ihn bat, seinen Kollegen Hachmeister zu beruhigen, bevor dieser sich zu einer unüberlegter Handlung hinreißen ließ.
Die beiden Polizisten beobachteten, wie Gacy zu dem Aushilfstankwart Lance Jacobson ging und ihm einen Plastikbeutel in die Hand drückte. Kaum hatte Gacy das Gelände verlassen, konfiszierte Hachmeister den verdächtigen Plastikbeutel. Der Inhalt bestand aus einigen fertig gedrehten Marihuana-Zigaretten.
Nun überschlugen sich die Ereignisse: Detective Robinson sprach mit Donald Czarna, der berichtete, das Gacy bei seinem Besuch sehr depressiv gewesen sei und reichlich Tabletten genommen hätte. Zudem hätte er seinen Anwälten erzählt, dass er 30 Leute getötet habe. Robinson brachte Lieutenant Kozenczak über Funk auf den neusten Stand. Man befürchtete, dass sich Gacy nach seiner "Abschiedstour" umbringen wollte. Einige Minuten später meldete Mike Albrecht der Zentrale den Marihuana-Fund. Kozenczak sah die Chance gekommen. Er überlegte einige Sekunden und befahl den Teams, John Gacy wegen den Besitz von Rauschgift festzunehmen.
Um 12.15 an diesen sonnigen Wintertag fuhr Gacy auf den Parkplatz eines Schnellrestaurants in dem Nachbarort Niles. Noch bevor er aussteigen konnte, öffnete Detective Robinson mit gezogener Waffe die Beifahrertür des Oldmobils und wies Gacy an, vorsichtig aus dem Wagen zu steigen. Er sei verhaftet. David Hachmeister, Bob Schultz und Mike Albrecht, die sich ebenfalls mit gezogenen Waffen um den Wagen verteilt hatten, traten näher. Der impulsive Detective David Hachmeister konnte sich nicht die Bemerkung:" Jetzt haben wir dich, du Arschloch!" verkneifen.

John Wayne Gacy wurde auf das Polizeirevier gebracht und zunächst in den Verhörraum gesperrt.
Die Falltür zum Kriechboden
Dort klagte er plötzlich über starke Brustschmerzen, die bis zum linken Arm ausstrahlten. Sein inzwischen informierter Anwalt Sam Amirante war außer sich vor Wut.
Er drohte den Beamten mit Klagen, während Gacy, mit dem Verdacht auf Herzinfarkt, in das nächste Krankenhaus transportiert wurde.
Lieutenant Kozenczak machte sich mit einem Durchsuchungsbeschluss für Gacys Anwesen zum Haus des Richters Marvin Peters auf, der bereits in den Weihnachtsferien war. Peters ließ sich die Sachlage erklären und unterschrieb den Beschluss. Im Auto informierte Kozenczak seine Beamten und orderte seine Leute zu Gacys Haus.
Bereits einige Minuten später war das Haus in der Summerdale Avenue von zahlreichen Polizeifahrzeugen umkreis. Den beiden Spurenexperte Phil Bettiker und Daniel Genty schlug beim Öffnen der Haustür heiße stickige Luft entgegen. Gacy hatte das komplette Haus überheizt. Je näher die Polizisten der Falltür kamen, desto stärker nahmen sie einen fauligen Verwesungsgeruch wahr. Genty war der Erste, der sich langsam durch die Falltür auf den Kriechboden herabließ. Mit einem großen Scheinwerfer leuchtete er den von einer grauen Kalkschicht bedeckten Boden ab.

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